Jahrestag der Schlacht am Kahlenberg – ein Gedächtnis

Rösser schnauben und scharren mit den Hufen. Männer legen Rüstzeug an und gurten ihre Waffen um. Im Kommandanturzelt wird nochmals das Kartenmaterial studiert, jeder Hügel und Graben ein letztes Mal einstudiert. Die Luft ist übervoll der Anspannung, die nun auch dem letzten, noch so tapferen Soldaten in die Glieder dringt. Der Heerführer lässt seinen Blick über die Kaiserstadt Wien schweifen. Von allen Seiten bedrängt liegt sie da. Umstellt von 120.000 Feinden. Man selbst ist in der Unterzahl – doch der Angriff muss gelingen. Er muss einfach gelingen.

Wir befinden uns am Kahlenberg. Es ist September. 1683. In wenigen Minuten wird eine der entscheidendsten Schlachten der europäischen Geschichte geschlagen werden. Und wir reiten mit.

Bereits am 14. Juli hatten die Osmanen Wien erreicht und es von Süden, Westen und Norden eingeschlossen. Eine Kapitulation war von Stadtkommandant Graf von Starhemberg ausgeschlagen worden. Mittlerweile über acht qualvolle Wochen steht die Donaustadt schon unter türkischer Belagerung. Lediglich 11.000 Soldaten und einige tausend Freiwillige stemmen sich gegen den übermächtigen Gegner. Der Hunger verschärft die Lage drastisch, die Vorräte der Stadt sind längst erschöpft. Die ausgemergelten Bewohner haben begonnen, „Dachhasen“ zu jagen – ein Euphemismus für die streunenden Katzen, die man mittlerweile essen muss. Zudem grassierte die Ruhr, eine ansteckende Durchfallerkrankung, innerhalb der Festung.

Immer wieder zerreißen Explosionen die Luft. Stetig treiben türkische Mineure Stollen gegen die Mauern und bringen sie mit Schwarzpulverfässern zum Einsturz. Die entstehenden Breschen sind schwer zu verteidigen. Aufgrund von Truppenmangel müssen auch gewöhnliche Bürger ohne Kampferfahrung versuchen, diese Lücken in den Befestigungsanlagen zu sichern. Mit sogenannten „Sturmsensen“ – langen, gebogenen Klingen, die ineinander verhakt werden können – bilden Bäcker, Kaufmänner oder Zimmerleute menschliche Sperrketten, um die eingestürzten Abschnitte vor dem Eindringen der Türken zu schützen.

In Folge der Sprengungen und der schweren Artillerie sind die Befestigungswerke nun im Spätsommer so schwer beschädigt, dass die Festung Wien sturmreif geschossen ist. Die erbitterten Verteidiger wissen: Sollte der Feind in die Stadt eindringen, warten nicht nur auf sie Raub, Vergewaltigung und Tod – das Schicksal der europäischen Welt hängt von ihnen ab.

Tor nach Europa

Seit der Eroberung Konstantinopels 1453 war es erklärtes Ziel der Osmanen, den „goldenen Apfel der Deutschen“ – Wien – zu gewinnen. War die erste Türkenbelagerung im Jahr 1529 noch an Versorgungsschwierigkeiten der Muslime und einem ungewöhnlich frühen Winter gescheitert, sieht nun alles danach aus, als würde die bedeutendste Stadt des Heiligen Römischen Reiches fallen.

Wien, gelegen zwischen Alpen und den Karpaten, hat große Bedeutung für die Türken, es ist ihr „Tor nach Westen“. Ist diese Festungsstadt erst eingenommen, sollen Vorstöße bis weit ins Herz Europas folgen. Das Osmanische Reich wird den Kontinent dominieren und ihn nach seinen Vorstellungen umformen.

Doch dazu soll es nicht kommen. Am 11. September hatten Leuchtsignale über dem Wienerwald die Wende angezeigt. Gut 60.000 Mann aus allen Teilen des Reiches sowie aus Polen waren gekommen, sich den Invasoren entgegenzustellen. Die Befehlsgewalt über das christliche Bündnis hatte der polnische König Jan Sobieski inne. Der türkische Heerführer Kara Mustafa rechnete zwar mit dem Eintreffen eines Entsatzheeres, hatte jedoch darauf gesetzt, die Eroberung Wiens zuvor bereits erfolgreich zu beenden. Er irrte.

Die Schlacht

Dem deutsch-polnischen Heer war es gelungen, sich ungehindert auf den Hängen des Kahlenbergs, einer Erhebung direkt vor Wien, zu formieren. Am Morgen des 12. September wurde dort noch vom päpstlichen Legaten Marco d’Aviano die Heilige Messe gelesen. Dann folgte die Entscheidungsschlacht.

Ein türkischer Schreiber protokollierte das Ereignis: „Die Ungläubigen tauchten nun mit ihren Abteilungen auf den Hängen auf wie die Gewitterwolken, starrend vor Erz … Es war, als wälze sich eine Flut von schwarzem Pech bergab, die alles, was sich ihr entgegenstellt, erdrückt und verbrennt.“

Besondere Beachtung verdienen bei diesem Sturmangriff die polnischen Flügelhusaren, die ihren Namen langen „Flügeln“ aus Adlerfedern verdanken, die an ihren Sätteln angebracht waren. Sinn und Zweck war, dass diese Federn beim schnellen Ritt ein lautes Geräusch erzeugten, das feindliche Pferde, die daran nicht gewöhnt waren, verängstigen und schwerer zu kontrollieren machen sollte.

In strahlender Rüstung, mit langen Flügeln galoppierten die Husaren so den Kahlenberg hinab auf die muslimischen Heerscharen zu. Den Wienern in ihrer Stadt muss es gewesen sein, als würden Engel ihnen ihn ihrer Not zu Hilfe reiten.

Sechs Stunden hielten die Truppen des osmanischen Sultans stand, dann bliesen die Türken zum Rückzug. Den Großteil ihrer Ausrüstung und Verpflegung mussten sie zurücklassen. Die Habsburger konnten die Gunst der Stunde nutzen und zum Gegenschlag ansetzen. Es war der Beginn des Großen Türkenkriegs, der die Osmanen aus Mitteleuropa vertrieb. In den folgenden Jahren wurden weite Teile Ungarns und Siebenbürgens von der türkischen Besatzung befreit.

An diesem Tag vor 339 Jahren wurde das Schicksal Europas besiegelt. Hätte die Armee des Sultans gesiegt, wäre nicht nur der Stephansdom Moschee geworden, die gesamte Geschichte wäre eine gänzlich andere.

Steit um die Erinnerungskultur

Verständlich, dass die Erinnerung an die Befreiung damals feste Tradition wurde. Ganze 100 Jahre lang gedachte man jährlich diesem Sieg und dankte den himmlischen Mächten, die scheinbar über die Stadt gewacht hatten und ein weiteres blutiges Verschieben der Grenzen des Morgenlands ins Abendland hinein verhindert hatten. Heute hingegen ist die Entscheidungsschlacht fast gänzlich aus dem Stadtgedächtnis verschwunden. Ja schlimmer noch, die Stadtregierung stemmt sich sogar aktiv dagegen, das Gedenken hochzuhalten.

Ein von Polen angeregtes und bereits fertiggestelltes Denkmal am Kahlenberg, dessen Sockel bereits gegossen wurde, wird immer noch von der Wiener Stadtregierung zurückgehalten. Viele vermuten, die Bürgermeisterpartei SPÖ möchte ihre türkische Wählerbasis nicht verärgern. Schließlich stützen die Roten ihre Regierungsgewalt maßgeblich auf die Stimmen von Migranten.

Wir sind Sie

Auch wenn derzeit von öffentlichen Stellen ein angemessenenes, würdevolles Gedenken verhindert wird, so lebt die Erinnerung doch fort. Volk zu sein, das meint ein geschichtsübergreifendes „Wir“-Gefühl zu besitzen, das Jahrhunderte überspannt. Dank und Anerkennung den Streitern um ein freies Wien. Sie sind wir. Und wir sind sie. 1683 ist nicht nur Erbe, sondern auch Auftrag. Es liegt heute an uns, Wien, Österreich und damit Europa zu verteidigen.

Ihnen gefällt unsere Arbeit? Sie können den “Heimatkurier” dauerhaft fördern oder einmalig unterstützen.

Weitere Beiträge

Rundbrief

© 2018 Heimatkurier All rights reserved​